Sicherheit in der Schweiz: Wie funktioniert es bei den Nachbarn?

2019-04-29 03:23 von Bettina Kretzschmar (Kommentare: 0)

Wir leben nah beieinander, wissen aber viel zu wenig über unsere Nachbarn. So geht es vielen im eigenen Zuhause. Was für das Eigeneheim gilt, lässt sich auch auf Nationalebene beziehen. Unter welchen Konditionen arbeiten denn die Schweizer Nachbarn der Sicherheitsbranche und wie unterscheidet sich der Einsatz im deutschen Sicherheitsgewerbe und die Zusammenarbeit mit der Polizei?

Der Direktor des Verbandes Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen (VSSU), ein Projektmanager des Schweizer Sicherheitsdienstleisters DELTAgroup und die Präsidentin des Verbandes Schweizerischer Polizei-Beamter (VSPB) geben Antworten.

 

polizei-und-sicherheitsmitarbeiter-gehen-gemeinsam-auf-patrouilleGemeinsame Patrouillen mit der Polizei

Aktuell arbeiten in der Schweiz über 20.000 Sicherheitsfachkräfte in etwa 800 Sicherheitsfirmen. Zum Vergleich: nur 19.000 Polizeibeamte sind im Nachbarland tätig. Sieht man diese Zahlen, fällt die Mehrheit an Sicherheitskräften auf. Dem ist aber nicht ganz so. Urban Lederer von der DELTAgroup  erklärt warum: „Die Mehrheit der Schweizer Mitarbeiter arbeitet mit einem sogenannten Arbeitsvertrag auf Abruf. Das heißt, nur rund 60 Prozent der Sicherheitskräfte in der Schweiz sind festangestellt, der Rest sind Teilzeitmitarbeiter.“

Ähnlich wie in Deutschland reicht das alles nicht: „Aufgrund der in der Schweiz nahezu vorhandenen Vollbeschäftigung, stellt die Rekrutierung von qualitativ guten Mitarbeitern seit Jahren eine der größten Herausforderungen dar“, so Lederer. Hier geben sich Deutschland und die Schweiz also die Klinke in die Hand.

 

In der Schweiz kann man gemischte Patrouillen aus Poilzei und Sicherheitskraft sehen

Unterschiede gibt es allerdings in der Zusammenarbeit mit der Schweizer Polizei. Je nach Einsatz, kann man in der Schweiz auch gemischte Patrouillen aus Sicherheitsfachkraft und Polizei sehen. Johanna Bundi Ryser - Präsidentin VSPB - betont allerdings die strikte Aufgabentrennung: „Für unseren Schweizer Verband und Polizistinnen und Polizisten ist es wichtig, dass die Kompetenzen der Sicherheitsfirmen und Leute nicht überschritten werden dürfen und sie Polizeiaufgaben übernehmen, die einen hoheitlichen Charakter haben. Die Staatsaufgaben in der Schweiz müssen beim Staat bleiben und dürfen nicht in die Hände von Privatsicherheitsleuten gegeben werden, da diese auch nicht  über eine entsprechende Ausbildung verfügen.“

Der Direktor des VSSU ergänzt hierzu: „Manchmal gibt es auch gemischte Patrouillen, das stimmt. Die hoheitlichen Aufgaben übernimmt aber der Polizeibeamte. Kommt es zu einer Auslagerung einer hoheitlichen Aufgabe auf den Sicherheitsmitarbeiter, ist immer ein Polizeibeamter dabei. Die Begleitung von Gefangenentransporten gilt in der Schweiz im Übrigen nicht als hoheitliche Aufgabe und wird von privaten Firmen durchgeführt.“

Im Interview sind sich allerdings alle einig: Die Zusammenarbeit zwischen Privaten und Polizisten in der Schweiz läuft hervorragend. Ähnlich wie in Deutschland gebe es auch gemeinsame Veranstaltungen mit dem Hintergrund gemeinsamer Verbunds-Übungen und dem Ziel des gegenseitigen Austauschs.

 

Das ist in Deutschland undenkbar

deltagroup-fussball-em-2008-zuerich-gemischtesod-elementEin weiterer Unterschied bezieht sich auf die Veranstaltungssicherheit. Jeder Sicherheitsmitarbeiter in der Schweiz darf Pfefferspray und Mehrzweckstock (mit entsprechender Waffentragbewilligung) mitführen, je nachdem. Außerhalb des Stadions ist öffentlicher Grund und ist somit Zuständigkeitsbereich der Polizei. Innerhalb des Stadions allerdings ist Privatgrund und es gilt das Hausrecht, welches durch den privaten Sicherheitsdienst durchgesetzt wird.

Urban Lederer führt weiter aus: „Im Rahmen dieses Hausrechts werden Teile des Sicherheitsdienstes in Ordnungsdienst (OD)-Ausrüstung (OD-Helm, Schutzausrüstung, Mehrzweckstock, Pfefferspray) bereitgestellt, welche bei Auseinandersetzungen und Sachbeschädigungen zwischen „Fans“ und Besuchern einschreiten und unter verhältnismäßigem Einsatz der Wirkmittel den ordentlichen Zustand wiederherstellen.“ Zum Vergleich: Der Einsatz solcher Elemente aus privater Sicht ist in Deutschland nicht denkbar, Pfefferspray und Schlagstock sind hier im Veranstaltungsbereich zumindest strikt verboten.

Eine OD-Gruppe ist im Fußballstadion deeskalierend im Einsatz

deltagroup-delta-od-gruppe-deeskalierend-unsichtbar-positioniertIn der Regel nur in den höheren Sicherheitsdiensten (Personenschutz und Werttransport) können die Schweizer Mitarbeiter zusätzlich mit Schusswaffen ausgerüstet werden – selbstverständlich mit einer entsprechenden Waffentragbewilligung. Personenschützer sind dann meist in zivil unterwegs. Aber eben auch in Uniformen, was je nach Unternehmen und Einsatz variiert

Bewaffnete Sicherheitskräfte in der Schweiz seien hochausgebildete Leute, die regelmäßig Schießtrainings und -prüfungen ablegen und dabei einen bestimmten Level erreichen müssen. Wird das Level nicht erreicht, so gibt es eine Chance auf einen Wiederholungstest sechs Monate später. Wird dieser nicht bestanden, sind Sicherheitsmitarbeiter lebenslang für den bewaffneten Einsatz in der Schweiz gesperrt (lt. VSSU).

 

 

Gemischtes OD Element aus Polizei und Sicherheitsmitarbeitern zur EM 2008 in Zürich

 

Ausweiskontrolle nur Polizeiarbeit?

Ein Schweizer Sicherheitsmitarbeiter darf auf öffentlichem Gelände keine Ausweiskontrollen durchführen. Befindet sich auf dem öffentlichen Gelände ein Objekt, das bei Eintritt eine Ausweiskontrolle (=privater Grund) verlangt, dann sei das etwas anderes. Weigert sich hier eine Person diese Kontrolle vom Sicherheitsmitarbeiter durchführen zu lassen, so kann der entsprechenden Person der Zutritt verweigert werden (Durchsetzung des Hausrechts). Eine Ausweiskontrolle geschieht in der Schweiz also nur im privaten Bereich, nie auf öffentlichem Gelände.

 „Auch gewisse Schweizer Gemeinden setzen private Sicherheitsdienste für spezifische Kontrollaufgaben im Gemeindegebiet ein (Litteringsprävention). Im Rahmen dieses klar definierten Pflichtenheftes dürfen die entsprechenden Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes bei Fehlverhalten Personalien feststellen. Weigern sich die betroffenen Personen, müssen diese zur Durchsetzung jedoch die Polizei beiziehen“, berichtet Lederer ergänzend hierzu.

 

Auch national starke Unterschiede – Zeit sie anzugehen

schweiz-flaggen-kombi-national-starke-unterschiede-sicherheitBezüglich des konzeptionellen Hintergrunds der Branche herrscht in der Schweiz eine Uneinheitlichkeit – zumindest in den deutschsprachigen Kantonen. Auch hier arbeiten sowohl Verband, Unternehmen und auch Polizei zusammen und setzen sich stark für ein Nationalgesetz ein.

Herr Sergy vom VSSU spricht von einem regelrechten Wildwuchs: „Die Kantone arbeiten hier komplett unterschiedlich. Genau das wollen wir verbessern, wir arbeiten daran gesamtschweizerische einheitliche Vorgaben zu bekommen – nach dem Vorbild der französischsprechenden Kantone.“

Dort gebe es ein Konkordat, dem die Sicherheitsdienstleister unterstellt sind. Demnach müssen sich die Sicherheitskräfte einer Prüfung unterziehen, bevor sie die Tätigkeit in der Branche aufnehmen können. Es wird überprüft, ob keine Vormundschaften oder Einträge im Führungszeugnis bestehen.

Die Kantone der Schweiz arbeiten in Sachen Sicherheit ganz unterschiedlich

Außerdem werden die Polizeidossiers durch Polizeibeamte kontrolliert und es erfolgt eine Mitteilung, ob die Person angestellt werden kann oder nicht. Aus Datenschutzgründen erfolgt jede Mitteilung ohne Details. Diese Kontrolle wird alle vier Jahre erneut durchgeführt. Der Firmenchef selbst muss eine Prüfung erfolgreich bestehen, die unter anderem arbeits- und strafrechtliche Inhalte abfragt. Ganz anders als in der deutschsprachigen Schweiz.

 

Keine Ausbildung – Kein Beruf

„Man sucht sich einfach Leute, die dem Job entsprechen“, so VSSU-Direktor Sergy. „Die Ausbildungssituation in der deutschen Sicherheitsbranche ist dagegen auf einem fortgeschrittenen Level. In der Schweiz gibt es weder Lehre noch Fachschule für eine Tätigkeit im Sicherheitsgewerbe.“

Wer im Sicherheitsdienst arbeiten möchte, braucht demnach einfach einen Berufsabschluss nach Wahl. Aber auch Quereinsteiger können bei einem Sicherheitsunternehmen anfangen und werden dann im Unternehmen selbst ausgebildet oder zu bezahlten Kursen geschickt. Seit neuestem gibt es immerhin den CAS – Ein Hochschullevel für das Security Management.

„Was wir als Fachverband anbieten sind Eidgenössische Fachausweise für unterschiedliche Einsatzbereiche. Allerdings handelt es sich auch hierbei um keine Berufsanerkennung. Ich selbst bin seit 38 Jahren in der Sicherheit tätig und arbeite demnach sozusagen in keinem richtigen Sicherheitsberuf“, so Sergy weiter.

Der Verband ist aktuell daran, diesen Zustand zu ändern und eine Ausbildung zu planen – eine sogenannte Arbeitslehre für Security und Safety. Damit soll erstmals definiert werden, wie eine Sicherheitskraft ausgebildet werden muss ohne dass dies jede Firma selbst nach eigenem Ermessen durchführt.

Herr Kosmas Mutter (CEO der Elite Guard Ausbildungen GmbH) sagte hierzu: "Als externe Stelle, stehen den schweizerischen Sicherheitsunternehmen, verschiedene Berufsfachschulen zur Verfügung. Zum Teil vergeben Fachschulen offiziell anerkannte und nicht anerkannte Diplome. Um ein durch Behörden und Ämter bundesweit anerkanntes Diplom einer Weiterbildung vergeben zu können, muss eine Berufsfachschule im Bereich Erwachsenenbildung ein Zertifikat vorweisen können."

Die Lehrinhalte solch einer Erwachsenenbildung orientieren sich dabei an gesetzlichen Bestimmungen z.B. für den Verkehrsdienst, der Empfehlung des VSSU für die Basisausbildung, sowie an den Prüfungsleitfäden für die eidgenössischen Berufsprüfungen, die der VSSU abnimmt. "Ein großer Unterschied zur Berufsprüfung in Deutschland ist, dass sich ein Prüfling neben der schriftlichen und mündlichen Wissensabfrage, insgesamt 2 Stunden im Bereich Praxis prüfen lassen muss. Ein solcher Prüfposten ist beispielsweise, die Kontrolle eines Gebäudes durch den Prüfling, bei dem er neben Alltagszenarien auch verschiedene nicht alltägliche Problematiken zu lösen hat, wie einen Einbruchversuch in den zu kontrollierenden Bereich. Die Prüfungsexperten begleiten die zu prüfende Person und stellen wo nötig und möglich Verständnisfragen." so CEO Mutter.

Doch eine bundesweite Reglementierung besteht hierbei noch nicht.

 

Gemeinsame Probleme

deutschland-schweiz-puzzle-flaggen-gemeinsame-prpblemeEin Nationalgesetz zur Regelung der Branche, das wünschen sich alle drei Schweizer Interviewpartner für das Sicherheitsgewerbe. Priska Seiler Graf, Nationalrätin, war hier Vorreiterin und setzt sich stark für die schweizweite Regulierung mit gleichen Kontrollkonditionen und der gleichen Einheitlichkeit wie in der französischsprachigen Schweiz ein.

Johanna Bundi Ryser – Präsidentin des VSPB – konkretisiert die Zielstellung dieses Schweizer Nationalgesetzes: „Der Zustand im Sicherheitsgewerbe ist zu chaotisch, diese Situation muss sich ändern. Mit einem Nationalgesetz für die Gesamtschweiz streben wir neben einheitlichen Kontrollkonditionen auch ein einheitliches Ausbildungskonzept an. Wir wünschen uns, dass der Bundesrat hier schnellstmöglich Maßnahmen durchsetzt, die Möglichkeiten sind auf jeden Fall da und dringend benötigt.“ Denn: Ein Nationalgesetz derart würde nicht nur Zulassungen und Kompetenzen für die Sicherheitsmitarbeiter regeln, es würde auch die Firmen nach Eignung kontrollieren.

 

Die Sicherheitsbranche in Deutschland und Schweiz kämpft mit ähnlichen Problemen

„In diesem Zuge gebe es außerdem Regelungen zum äußeren Erscheinungsbild. Eigentlich darf kein Sicherheitsmitarbeiter eine polizeiähnliche Uniform tragen, verschiedene Sicherheitsdienstleister allerdings kleiden sich mit ähnlichen Uniformen. Hier kommt es oft zu Verwechslungen und Missverständnissen“, so Bundi abschließend.

Der allgemeine bisherige Zustand gehe inzwischen soweit, dass Sicherheitsmitarbeiter der deutschsprachigen Schweiz zum Teil nicht im französischsprachigen Teil eingesetzt werden dürfen, ohne dem westschweizer Konkordat zu entsprechen. Im Juni soll hier in der Schweizer Politik verhandelt werden, wie es weitergeht.

Verdrängungskampf und schwarze Schafe

Ein Schweizer Nationalgesetz mit festgelegten Regelungen würde ein Problem angreifen, das sich auch in Deutschland wiederfindet und auf den Sicherheitsmarkt selbst bezieht: Schwarze Schafe. Auch in der Schweiz herrsche ein Verdrängungskampf, in dem viele Klein- und Kleinstunternehmen der Sicherheit versuchen, sich mit aggressiven Preisen ein Stück vom Kuchen zu ergattern.

Unternehmen mit weniger als zehn Mitarbeitern unterstehen zudem nicht dem Schweizerischen Gesamtarbeitsvertrag, der Mindestlohnbedingungen, die 20-stündige Grundausbildung im Unternehmen, Arbeitsstunden und Spesen regelt. Auch Kunden vergeben Aufträge oftmals nach Preis und berücksichtigen dabei nicht  Leistungsausweis oder die Aufwendungen des Unternehmens (Ausbildungs- und Trainingskosten).

 

FAZIT:

Das deutsche Sicherheitsgewerbe wünscht sich Veränderungen. Ein Blick zu den Schweizer Nachbarn zeigt ganz klar, dass jeder mit seinen Problemen zu kämpfen hat und dass es harte Arbeit ist, etwas zu erwirken. Es zeigt aber auch, dass wir gar nicht so sehr auf der Stelle treten, wie wir es manchmal denken. Hin und wieder lohnt sich vielleicht die Frage danach, was man aus den Erfahrungen voneinander lernen kann.

 

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